Themenbereiche

 

  Newsletter

Name:
 
eMail:
 
Gespeichert!

Marco Schmid, Nationaldirektor migratio

Marco Schmid, Nationaldirektor der Migratio in Fribourg, im Talk mit Martin Niederer. Schmid spricht davon, wie er in jungen Jahren als Secondo die Slowenische Mission in der Schweiz erlebt hat und wie ihm die Erfahrungen von damals in seiner Arbeit heute als Nationaldirektor der migratio helfen, mit den Migraten in Kontakt zu kommen. Ein interessanter Einblick in die Tätigkeiten der migratio und in Schwierigkeiten und Chancen der Missionen in der Schweizer Kirche.
Text als PDF Text als PDF runterladen

Ein Gespräch mit Marco Schmid, Nationaldirektor der Migratio

Hallo und herzlich willkommen, ich begrüsse euch zum kathtalk. Mein heutiger Gast ist Marco Schmid, er ist seit gut 3 Jahren Nationaldirektor der migratio in Fribourg. Er bring eigentlich das ideale Anforderungsprofil für diese Stelle mit: Er hat Rechtswissenschaft und Theologie studiert und - und das macht es spannend - hat selber einen Migrationshintergrund. Marco Schmid - herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Ich habe es eingangs schon erwähnt, du kommst selber aus einer Migrantenfamilie, deine beiden Eltern kommen aus Slowenien, du bist aber hier in der Schweiz geboren. Vielleicht kannst du uns gleich zu Beginn sagen, wie du als Secondo deine Kindheit, dein Aufwachsen hier in der Schweiz erlebt? Dabei interessiert mich besonders der Bezug zur katholischen Kirche Schweiz.

Als Kind und Jugendlicher bin ich stark mit der Pfarrei - mit der Schweizer Pfarrei - verbunden gewesen. Ich habe dort ministriert und war in der Jungwacht. Was ein durchschnittlicher Jugendlicher halt so gemacht hat, der mit einer Pfarrei verbunden ist.

Du bist also nicht der Slowene gewesen in den Augen der anderen?

Nein, überhaupt nicht. Und man merkt mir auch äusserlich nicht an, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Selbst mein Name - ich heisse Schmid - hätte niemanden vermuten lassen, dass ich aus Jugoslawien (heute Ex-Jugoslawien) komme. Somit konnte ich auch nie zeigen, dass ich einen solchen Hintergrund habe. Ich habe aber natürlich auch Kontakt mit der Mission gehabt. Das war für mich ein wertvoller Kontakt, weil ich dort grade auch als Jugendlicher mit anderen zusammen gekommen bin, die einen ähnlichen Hintergrund wie ich gehabt haben. Die Jugendlichen dort haben sich ähnliche Fragen gestellt und vor allem hat uns einiges verbunden. Sie haben z.B. auch die Fähigkeit gehabt, Slowenisch und Schweizerdeutsch zu sprechen. Es war für mich natürlich auch immer schön, mit solchen Leuten zusammensein zu können.

War in der Mission die Slowenische Kultur im Vordergrund, oder war das kein Thema? Wart ihr untereinander Slowenen oder Schweizer?

Der slowenische Hintergrund hat schon immer mitgeschwungen. Untereinander haben wir manchmal Schweizerdeutsch gesprochen, mehr Schweizerdeutsch als Slowenisch, aber es kam auch vor, dass wir Slowenisch gesprochen haben. Ob das eine kulturelle Frage ist, würde ich so nicht sagen, es ist tiefer. Es hat auch etwas mit der Religion zu tun. Wir haben dort auch die Gottesdienste besucht und so richtig kann man Religion und Kultur gar nicht trennen.

Wie ist das jetzt für dich heute mit deinen persönlichen Erlebnissen, deinen persönlichen Erfahrungen - du bist Nationaldirektor der Migratio -, was nimmst du für Ideen, für Wünsche von damals mit, die du in deine Tätigkeit heute einbringen willst?

Die Erfahrungen waren sicher für meine Arbeit sehr wertvoll. Und ich glaube, dass die Leute, die Migranten, die katholischen Zuwanderer, merken, dass ich sie verstehe, weil ich selber diese Erfahrung gemacht habe. Es ist gerade für diese Stelle sehr wichtig, dass es auf der Beziehungsebene gut geht, dass man dem Anderen begegnen kann und dass der andere merkt, dass man ihn versteht.

Du bist viel im Kontakt mit den Missionaren, aber auch mit den Missionen, mit den Gläubigen: Was siehst du dort, was bekommst du dort für einen Eindruck, wie sie die Schweiz sehen, wie sie die Schweiz wahrnehmen, im allgemeinen als Land, aber auch die katholische Kirche Schweiz im speziellen? Wie sehen die Magranten das?

Wenn ich Missionen besuche, werde ich von diesen Leuten meistens als jemand wahrgenommen, der von der Schweizer Seite her kommt. Entsprechend reagieren sie oder sagen etwas über die Schweiz oder über die katholische Kirche in der Schweiz. Und ich stelle da fest, dass eine grosse Dankbarkeit da ist. Sie schätzen das Land sehr, sie sind froh, dass sie da sein können und alles was das Land ihnen gibt und gegeben hat: Arbeit aber auch Sicherheit und vieles andere. Da kommt mir eigentlich immer sehr viel Dankbarkeit entgegen. Auch gegenüber der katholischen Kirche spüre ich Dankbarkeit, weil sie es ihnen ermöglich hat, eine Seelsorge in ihrer Sprache haben zu können.

Ist für die Migranten auch ein Thema, dass die katholische Kirche Schweiz als sehr romskeptisch bezeichnet wird? Merken die Migranten, besonders diejenigen in der Italienermission, dass zwischen der Schweizer Kirche und Rom eine Diskrepanz herrscht? Verstehen sie, dass wir Schweizer eher auf Distanz zu Rom sind?

Das Bischofsamt und auch das Petrusamt haben für Migranten eine integrative Funktion. Da sind Leute, die ihr Land verlassen haben und in ein fremdes Land hineingekommen sind. Für jemanden, der sich in einem neuen Umfeld zurechtfinden muss, ist es sehr wichtig, dass er Personen hat, die für ihn wichtige Referenzen sind, denen er auch Vertrauen schenken kann. Und da glaube ich, dass das Amt des Bischofs eine bekannte Grösse darstellt, das sie von ihrer Herkunft her kennen. Wenn sie hier herkommen, wissen sie auch, dass für die religiösen Dinge der Bischof ihre Referenzperson ist. Somit tragen die Bischöfe eine grosse Verantwortung. Weil die Migranten sich an ihm orientieren, wissen sie sich mit ihm verbunden. Und dadurch, dass sie mit ihm verbunden sind, wissen sie sich auch mit all den anderen Leuten verbunden, die auch mit diesem Bischof verbunden sind.

Spüren das unserer Bischöfe? Wissen sie um diese Wichtigkeit, die sie für die Migranten haben? Ich höre das zum ersten mal, dass das Bischofsamt für die Migranten eine solche Wichtigkeit hat?

Ja, das melden wir den Bischöfen immer zurück. Wenn sie in die Missionen gehen, werden sie sehr herzliche empfangen. Ich habe eigentlich immer nur sehr positive Töne gehört von den Bischöfen, wenn sie in einer Mission gewesen sind. Da merken sie auch, wie sie geschätzt werden.

Mit was für Herausforderungen kämpfen die Missionen hier in der Schweiz? Du sagst, dass vieles positiv ist. Was gibt es für Schwierigkeiten?

Ich denke, dass es ähnlich ist wie in den Pfarreien. Die Säkularisierung betrifft natürlich auch die Missionen. Das Anliegen der Kirche und jedes Seelsorgers, das Evangelium den Menschen zu verkündigen, es zu ihnen zu bringen, sie zusammenzuführen mit Gott - das ist ihre Hauptsorge und sie merken, dass auch bei den Migranten der Besuch der Kirche oder die Teilnahme am kirchlichen Leben schwindet. Das ist sicher eine der grossen Herausforderungen, der sie sich stellen müssen. Dann ist da auch die Frage des Nachwuchses der Seelsorger: Die Herkunftsländer, beziehungsweise die Bischöfe sind je länger je weniger bereit, Priester ins Ausland zu schicken, denn auch in ihren Ländern herrscht zum Teil Priestermangel. Das ist natürlich eine grosse Herausforderung, auch für die Missionen, wie sie mit dieser Realität in Zukunft umgehen sollen.

Mir stellt sich die Frage - wenn du sagst, dass es auch dort Priestermangel hat und einige Missionare sowieso schon durch die ganze Schweiz reisen müssen - ob man da nicht besser eine Zusammenarbeit mit der Schweizer Pfarrei sucht? Sehen die Missionen eine Möglichkeit, sich gegenüber der Schweizer Pfarrei zu öffnen, die vielleicht noch mehr Seelsorger haben? Gibt es eine Bewegung in diese Richtung?

Ich würde es sogar umkehren und sagen: Ich stelle fest, dass sich die Pfarreien sehr schwer zu den Missionen hin bewegen.

Was denkst du, was die Gründe sind, dass die Schweizer Pfarreien Mühe haben, auf die Missionen zuzugehen?

Das können sehr vielfältige Gründe sein. Zum Teil ganz schlicht und einfach, weil man keine Zeit hat. Dann ist wichtig zu verstehen, dass die Pfarreien alle in einem grossen Prozess der Veränderung stehen. All die Fragen dieser Pastoralräume, Zusammenarbeit mit anderen Pfarreien. Ich habe den Eindruck, dass die Seelsorger viel mehr mit diesen Fragen beschäftigt sind, als dass sie sich noch mit den katholischen Zuwanderern auseinandersetzen können. Und da habe ich manchmal den Eindruck, dass man sehr schnell sagt: Das soll der Missionar machen oder die Migranten. Das betrifft uns nicht. Für das haben wir ja die Missionen. So wird diese Arbeit wegdelegiert. Wir von der Migratio organisieren ja z.B. den so genannten "Sonntag der Völker" im November. Da höre ich häufig von den Missionaren, dass sie manchmal Mühe haben, mit der Pfarrei zusammen diesen Sonntag vorzubereiten. Sie sind eigentlich die, die die Initiative ergreifen und es sind die Pfarreien, die da ein wenig bremsen. Man kann das natürlich nicht generalisieren, es gibt sicher auch da und dort das Umgekehrt, aber tendenziell sind eher die Missionen diejenigen, die für diesen Sonntag der Völker wirklich den Kontakt suchen und nicht umgekehrt.

Mir stellt sich im ganzen Kontext auch noch eine politische Frage: Von der Politik kommt eher der Wunsch, dass sich Ausländer integrieren. Grade die Katholische Kirche aber schafft Sondergruppen. Man bildet die Missionen, wo sich die Ausländer treffen können, untereinander sind und sich so teilweise vor den Schweizer Pfarreien verschliessen. Wie siehst du das? Mir stellt sich die Frage, ob es diese Missionen überhaupt noch braucht?

Das ist sicher eine wichtige Frage der Integration. Ich persönlich finde den Begriff "Integration" sehr problematisch, weil er von jedem ganz verschieden verstanden wird. Aber ich würde sagen, dass die Missionen im Sinn einer Integration - also dass sich die Menschen hier wohl fühlen, dass sie hier eine Heimat finden - sehr wohl integrativ gewirkt haben und noch immer wirken. Ich denke, dass hier den Missionen und der Arbeit der Missionare noch zu wenig Anerkennung gegeben wird. Sie haben wirklich geholfen, dass diese Leute in der Fremde eine Heimat finden konnten. Sie haben ihnen geholfen, existentiell stabil zu sein. Sie haben ihnen in Alltagsproblemen beigestanden etc. Auch unter den Gläubigen ist eine grosse Solidarität spürbar. Sie haben vielen Sozialämtern viel Arbeit erspart. Die Missionen haben so gewirkt, dass die Leute hier Wurzeln schlagen konnten und angefangen haben, sich heimisch zu fühlen. Man sagt ja z.B. bei den Italienern - das ist ja die grösste Gruppe, die wir haben - dass sich diese gut integriert haben, mit allen Problemen und Fragen, die da gewesen sind. Aber grundsätzlich sagt man, dass die gut hier angekommen sind. Und das ist sicher auch ein grosser Verdienst der Missionen.

Aber trotzdem: Die Migranten bleiben immer unter sich. Oder merkst du wirklich, dass sie den Kontakt zu den Schweizer haben? Wenn sie ein Problem haben, gehen sie zu ihrem Missionar und eben vielleicht nicht auf öffentliches Amt.
Manchmal hat man wirklich den Eindruck, dass da zwei Welten sind und für gewisse Gläubige kann das absolut stimmen. Viele haben aber sehr wohl auch den Kontakt zur Pfarrei. Die Missionen werden immer grösser und die Missionspriester können nicht jeden Sonntag vor Ort einen Gottesdienst für ihre Leute anbieten sondern müssen viel herumreisen. Das heisst, die Leute können nicht jeden Sonntag in ihrer Sprache einen Gottesdienst in ihrer Nähe feiern. Ich weiss von einigen Leuten, die dann am Sonntag auch in die Pfarrei gehen. Sie switchen quasi zwischen Mission und Pfarrei. Dieses Verhalten ist je nach Sprachregion unterschiedlich. In der französischen Schweiz ist es mehr verbreitet als in der deutschen Schweiz. Für die Italiener, Portugisen, Spanier, die relativ gut und schnell Französisch gelernt haben, ist es zumindest vom sprachlichen Aspekt her nicht so ein grosses Problem oder Hindernis, in eine Pfarrei zu gehen.

Marco Schmid, vielen Dank für diesen Einblick in die Welt der Missionen hier in der Schweiz, auch für das Teilen deiner persönlichen Erfahrungen, wie du das alles erlebt hast. Vielen Dank für dieses Gespräch.


Mit Marco Schmid, Nationaldirektor der Migratio, unterhielt sich Martin Niederer.
Fribourg, 25. Februar 2011.
© 2011 kathtalk.ch


Für dieses Video sind noch keine Kommentare gespeichert.
Links
Für das Zusatzmaterial trägt KathTalk keine Verantwortung. Die Materialien wurden vom Talkgast zur Verfügung gestellt und dieser hat Sorge dazu zu tragen, dass er damit keine Rechte Dritter verletzt. Verstösse bitte an info@kathtalk.ch melden.

aktuelle Talks:

alle Talks