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Franz Mali, Professor für Kirchengeschichte

Franz Mali, Professor für alte Kirchengeschichte an der Uni Fribourg, im Talk mit Thomas Fries. Professor Mail spricht über die Glaubenserfahrung, gerne konkretere Beweise zu haben und über die Erfahrung, ohne diese Beweise sich suchend und verlassen zu fühlen. Ausserdem berichtet er über die Vorbereitungen der Wallfahrt nach Jerusalem und ein Symposium seines Lehrstuhls, das den Austausch mit den irakischen Christen fördern soll.
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Ein Gespräch mit Franz Mali, Professor für alte Kirchen- geschichte an der Universität Fribourg.

Guten Tag und herzlich willkommen zu KathTalk. Zeugnis geben für Christus lautet das Thema. Zu Gast ist Franz Mali, Professor für alte Kirchengeschichte, Patristik und Sprachen des christlichen Orients an der Universität Freiburg. Herzlich willkommen, Franz.

Danke für die Einladung!

Gleich zu Beginn die Frage: Hast du eine Bibelstelle mitgebracht und könntest du die vorstellen?

Ja, ich habe eine Bibelstelle mitgebracht. Sie ist aus dem Schluss des Lukasevangeliums: Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war. Sie gingen hinein aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. So standen sie ratlos da.

Das ist also eine österliche Geschichte, die du mitgebracht hast. Was verbindest du mit ihr?

Ich verbinde damit ein Erlebnis, das ich in den grossen Exerzitien, die ich vor mehreren Jahren gemacht habe, erfahren durfte. Bei den grossen Exerzitien bekommt man in der Regel jeden Tag eine Bibelstelle zur Meditation. So gegen Schluss bekommt man auch eine Stelle aus der Leidensgeschichte oder aus den Auferstehungserzählungen und ich bekam diese. Ich bin aber an dieser Bibelstelle über mehrere Tage hinweg hängengeblieben und konnte nicht am nächsten Tag mit einer neuen meditieren sondern ich blieb drei-vier Tage an dieser gleichen Bibelstelle hängen. Ich blieb nicht daran hängen, dass dann irgendwann der Auferstandene auftritt, sondern genau daran, dass diese Frauen ratlos vor diesem leeren Grab stehen. Das nichts mehr da ist von diesem Jesus, den sie gesehen, den sie gekannt haben, mit dem sie unterwegs gewesen sind, der gestorben ist. Plötzlich ist nichts mehr von dem da. Ich habe die Frage gestellt: Die Jünger müssen sich irgendwie dumm vorgekommen sein und sich vielleicht die Frage gestellt haben ob sie einem Irrtum aufgesessen sind oder ob sie einem Phantom nachgelaufen sind. Ist dieser Jesus nicht real gewesen, wenn er jetzt nicht mehr da ist?

Also geht es dabei um Glaubenszweifel? Wenn man nichts Dinghaftes hat, wenn man nicht begreifen kann, im wahrsten Sinne des Wortes, was Auferstehung ist. Ist das etwas, was dich auch beschäftigt hat, oder wo du meinst, dass man sich damit beschäftigen muss?

Irgendwie haben mich zwei Seiten dieser Begegnung mit diesem Bibelstelle beschäftigt: Das eine ist, dass man wirklich nichts in der Hand hat, gar nichts. Nicht einmal einen Toten, nicht einmal einen Leichnam, so wie nach dem Zunami, wo viele hunderte oder tausende Menschen auch keinen Leichnam ihrer Lieben mehr hatten und Trauerarbeit viel herausfordernder ist, weil man nicht mal mehr einen Leichnam hat zum Trauern. Alles ist weg. Und anderseits habe ich mir die Frage gestellt: Wir sind vielleicht oft auf der Suche nach irgendwelchen Hinweisen oder Beweisen für die Auferstehung oder wie ich an diesen Jesus glauben kann. Ich möchte doch gerne eine Stütze, ein Fundament oder einen logischen Gedankengang, der mir hilft dabei. Und hier ist einfach Endstation. Es gibt nichts mehr. Es gibt nichts mehr, was man in der Hand haben kann oder was man logisch ableiten kann. Es ist wirklich eine Frage davon, ob ich diesem Jesus vertraue ohne dass ich irgend einen Beweis dafür habe.

Also kein Beweis dafür zu haben, dass er lebt… Das ist wohl die Herausforderung des christlichen Glaubens. Aber man könnte jetzt sagen: Warum trotzdem glauben?

Maria und die anderen Jünger haben dann die Erfahrung gemacht, dass ihnen dieser Jesus begegnet ist. Aber nach dieser Ratlosigkeit, nach diesem leeren Grab, nach dieser Unsicherheit, nach dieser Trauer. Ich denke, das ist die grosse Erfahrung die diese Jüngerinnen und Jünger gemacht haben, dass sie Jesus nach seiner Auferstehung begegnet sind. Mich hat diese Stelle so frappiert, weil ich es nicht gesehen habe, ich habe nicht anfassen können und es gibt viele Leute, die diesen Jesus auch nicht angefasst haben oder die keine Erscheinung des Auferstandenen gehabt haben. Und trotzdem irgendwie von diesem Jesus beeindruckt sind oder an ihn glauben oder zu glauben versuchen. Er hat gelebt, er hat gelehrt wie kein anderer.

Damit sprichst du ja das an, dass er gelebt hat, dass er also wirklich als Mensch da war und eben mit seiner Göttlichkeit auch in dieser Menschengestalt zugegen war. Das ist ja auch etwas, was sich immer wieder auch durch die Kirchengeschichte zieht: Wie geht man damit um, mit diesem Glauben daran? Wie gehst du damit um, wenn Theologiestudenten dir die Frage stellen, ob das nicht vielleicht alles doch nicht so stimmt?

Mich beschäftigen die Sätze der Seligpreisungen aus der Bergpredigt immer mehr. Diese Erlebnisse, Ereignisse, dieses Jesus, die ich nachzuleben versuche soll, oder denen ich nachzuspüren versuche - sei es im Lesen des Textes, sei es im Bibliodrama, sei es in anderen Arten wie man diesen Texten nahekommen kann. Mich hat zum Beispiel in der Vorbereitung auf die Wallfahrt immer noch fasziniert, dass Jesus sagt: Selig die Friedfertigen, denn sie werden das Land erben. Normalerweise geht jeder Krieg darum, dass man Land erobert. Aber Jesus sagt: Selig die Friedfertigen, denn sie werden das Land erben, also empfangen und nicht erobern.

Würdest du sagen, wenn jemand Zweifel hat am Glauben, dann sollte man ihn gerade mit der Botschaft Jesus in ihrer Reinform konfrontieren und sagen: Lass das einmal wirken?

Ja, in dieser Radikalität, genau.

Jetzt hast du grade angesprochen, dass du dich auf eine Wallfahrt, eine Pilgerfahrt, vorbereitest. Diese führt dich an die historischen Städte, wo Jesus gelebt hat oder wo er letztlich auch gestorben ist. Dieses Projekt wird dich einige Monate beanspruchen. Wie sind da im Moment die Emotionen? Ist da Angst? Ist da Freude? Es ist ja viel Unbekanntes dabei, aber auch sehr viel Motivation…

Ich freue mich sehr darauf. Je länger ich mich drauf vorbereite - jetzt bin ich ziemlich intensiv daran, weil ich für die Routenplanung zuständig bin - merke ich, dass mir das immer näher kommt und dass ich mit immer mehr Spannung und vielleicht auch Nervosität mich diesem Projekt nähere. Anfang Juni starten wir ja. Es ist ein langes Projekt und ich weiss nicht, wie es uns gehen wird unterwegs… Ich bin noch nie so lange gewandert nur mit einem Rucksack auf dem Rücken. Jeden Tag ein Quartier suchen und irgendwo anklopfen, damit man schlafen kann… Aber es ist ein Weg, auf den ich mich freue. Ich bin sehr gespannt, wie es wird. Auch wenn es vielleicht Unwegbarkeiten und Unsicherheiten gibt, wie gerade jetzt, wo es in Syrien, wo wir eigentlich durchlaufen möchten, sehr kritisch ist.

Das sind dann also schon die Seligpreisungen in ihrer gelebten Form, die ihr da in der Gruppe von vier Personen angeht. Noch bevor ihr das Projekt des Pilgerns angeht, wirst du noch am Lehrstuhl ein Kolloquium haben, das sich um Christen in mit unter auch schwierigen Situationen dreht. Mesopotamien, Christen aus dem Irak… Kannst dazu noch etwas sagen?

Wir haben für Mitte Mai ein Kolloquium, ein Symposium organisiert, in Zusammenarbeit mit dem einzigen christlichen Kollege, das es im Irak zur Zeit gibt. Professoren von dieser theologischen Fakultät werden hier in die Schweiz kommen und bei uns Vorträge halten. Dem Kolloquium ist eine Konvention vorausgegangen, die wir von der theologischen Fakultät mit diesem Kollege vor zwei Jahren abgeschlossen haben um eine Zusammenarbeit zu fördern und Aufmerksamkeit im gegenseitigen Austausch auch in der Öffentlichkeit zu bewirken. So sollen diese Christen im Irak unterstützt werden und zwar nicht nur auf humanitärer Ebene sondern eben auch auf akademischer Ebene wo wir einen Austausch pflegen oder in Gang bringen möchten, der gegenseitig ist. Einerseits wollen wir diese mal sie hierher einladen, andererseits erwarte ich, dass wir in etwa zwei Jahren wieder ein Kolloquium in Arbil, im Nordirak, haben werden.

Du bist ja schon aus beruflichen Gründen und aufgrund deiner Ausbildung viel herumgereist. So hast du viele verschiedene christliche Traditionen kennen gelernt. Wie ist dein Empfinden: Ist das etwas was deine eigene Position als römisch-katholischer Priester relativiert, oder ist es etwas, was bereichert und dich in deiner Identität als Christ stärkt?

Es ist das eine, dass ich dankbar bin, dass ich römisch-katholischer Christ und auch Priester bin, andererseits habe ich durch meine Aufenthalte gerade in orthodoxen Ländern auch erfahren, dass diese Spaltung der Christen sehr beanspruchend, ja schmerzhaft ist. Ich habe ein Jahr in Russland studiert und habe viel in der orthodoxen Liturgie mitgefeiert. Aber für die Orthodoxen ist es völlig klar, dass man keine Interkommunion praktizieren kann. Monatelang mehr oder weniger an Liturgie teilzunehmen, ohne dass man jemals zur Kommunion gehen darf, ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung.

Ist das also etwas, was man momentan noch mittragen, ertragen muss, es auch im Gebet mitragen muss? Welche Wege können da gefunden werden zur Einheit der Christen?

Ich denke, dass es in erster Linie viel guten Willen braucht, dass es viel heiligen Geist benötigt und dass es sicherlich notwendig sein wird, dass manche unserer Christen, vor allem auch - aber nicht nur - der offiziellen Stellen über den eigenen Schatten springen müssen. Und diese Bewegung muss ich durch die ganze Kirche hindurch ziehen! Das Zusammenkommen der Kirchen, bis hin zur Kommunion, ist eine Frage des gegenseitigen Vertrauens.

Der Weg dahin führt sicher auch über Begegnungen, also persönliche Begegnungen um dann auch theologische Einigkeit zu erzielen, es auch sprachlich zu formulieren.

Es ist sicher so, dass vieles sprachlich formuliert werden kann, aber es gibt einfach unterschiedliche Traditionen, die man sprachlich nicht auf eine Schiene bringen kann. Dort muss man sich einfach klar sein, dass man eine andere Kultur, eine andere Mentalität, eine andere Tradition als Aussenstehender nicht 100% erfassen kann. Das ist einfach nicht möglich. Das einzige, das man sich schenken kann, ist Vertrauen.

Vertrauen, aber auch Akzeptanz und Respekt, der damit einhergeht.
Ich möchte mich beeindruckt zeigen für die reichen Erfahrungen, die du uns mitgeteilt hast und mich ganz herzlich bedanken für das Gespräch!
Auch Ihnen liebe Zuschauer möchte ich ein herzliches Dankeschön sagen. Ich freue mich, Sie auch das nächste Mal bei KathTalk begrüssen zu dürfen!


Mit Franz Mali, Professor für alte Kirchengeschichte an der Uni Fribourg, unterhielt sich Thomas Fries.
Fribourg, 29. April 2011.
© 2011 HASLER4u GmbH


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