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Hildegard Aepli und Franz Mali - Jerusalempilger 2/4

Hildegard Aepli und Franz Mali im Talk mit Naomi Hasler. In diesem 4-teiligen Pilgerspecial erzählen Hildegard Aepli und Franz Mali von ihren Erfahrungen auf der siebenmonatigen Pilgerreise nach Jerusalem. Im zweiten Talk: Nach den ausführlichen Vorbereitungen geht es nun zuerst zusammen mit einer Gruppe los vom Lassalle-Haus bis nach Müstair. Von dort sind die vier dann auf sich allein gestellt. Der Rucksack wiegt schwer und die Hitze drückt. Nachdem auf der Strecke in der Schweiz alles für die Pilger vorbereitet wurde, heisst es jetzt jeden Abend eine Unterkunft zu finden. Der Talk nimmt Sie mit auf die Strecke bis in die Türkei.
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Ein Gespräch mit Hildegard Aepli und Franz Mali über ihre Pilgerreise nach Jerusalem (Teil 2/4)

Grüezi und herzlich willkommen bei KathTalk. Bei mir zu Gast sind Hildegard Aepli und Franz Mali. Die zwei sind letzten Juni mit zwei Andern 4300 Kilometer nach Jerusalem gelaufen. Im ersten Talk haben wir auf die ganze Vorbereitungsphase geschaut und jetzt geht's ans Laufen. Franz, wann seid ihr abgelaufen?

Franz: Losgelaufen sind wir am 2. Juni. Am Auffahrtstag. Wir sind am ersten Tag im Lassalle-Hause gestartet und hatten am ersten Tag die Strecke bis Einsiedeln auf dem Plan. Für uns Vier waren die ersten Tage in der Schweiz sehr schön. Nicht nur wegen der Landschaft und dem Wetter. Für uns war es natürlich speziell, dass die ersten Tage etwa 180 Menschen bis Einsiedeln mitgelaufen sind. Wunderbar für mich als Rutenplaner war, dass Hans Angst die ganze Route durch die Schweiz vorbereitet hatte und auch zweimal abgelaufen war und jeden Bogen, Winkel und Kurve gekannt hatte. Wir konnten uns wirklich auf ihn verlassen. Er hat genau gewusst, wo wir durch müssen. Da mussten wir uns keine Sorgen machen und uns nicht darüber den Kopf zerbrechen.

Was war das für eine Gruppe, Hildegard, die euch da begleitet hat?

Das war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Ich habe die Meisten dieser Gruppe nicht gekannt. Da waren viele Menschen aus dem Lassalle-Haus dabei, die dort mit den Jesuiten in Verbindung stehen oder auch einfach Freude gehabt haben, zehn Tagen zwischen Menzingen und Müstair mit uns mitlaufen zu dürfen.

Ist da schon das Pilgerfeeling aufgekommen oder waren das mehr Wanderferien? Du hast gemeint, es sei schön gewesen, man hätte sich um nichts kümmern müssen, einfach ein wenig laufen.

Franz: Wir haben unser Pilgerprogramm jeden Tag eingehalten. Wir haben mit dem Morgengebet angefangen. Irgendwann im Laufe des Vormittags haben wir an einem bestimmten Ort oder, wenn es geregnet hat, in einer Kapelle eine Andacht gehalten. Am Abend hatten wir auch noch mal eine kurze Andacht gehalten. Das war vom Wallfahrtsmässigen oder vom Spirituellen her ein Tagesprogramm, das wir in der Zeit genau eingehalten haben. Was ich denke, was für uns Vier in den zehn Tagen jetzt auch noch ein Teil von dem Wallfahrtsprogramm gewesen ist, war, dass Leute dabei gewesen sind, mit denen man wirklich auch geistliche Gespräche suchen konnten.

Also bist du da auch als Priester angesprochen worden?

Ja genau. Und das war auch eine schöne Sache. Das habe ich gern gemacht. Es gab dafür Zeit und Platz. Man kann sich gut distanzieren vom Rest der Gruppe. Das man wirklich gut Vieraugengespräche miteinander führen kann. Dass man mit Lebensfragen auf Einzelne eingehen kann. Das war zum Teil etwas ganz Tiefes.

Du hast jetzt schon einen richtigen Pilgerrhythmus angesprochen. Hildegard, wie ist der entstanden? Habt ihr den zuvor festgelegt, oder hat der sich so ergeben?

Wir haben einzelne Elemente im Voraus schon überlegt, wie wir sie machen wollten. Wir wollten sicher im Schweigen gehen. Jeden Tag eins bis zwei Stunden. Und, dass wir die geistlichen Impulse, die Franz schon angesprochen hat, diese Gebetszeiten, machen wollen. Das Andere hat sich dadurch ergeben, dass wir gewusst haben, dass wir 25 oder 35 Kilometer laufen müssen.

Mit was hast du nachher gekämpft, Hildegard? Als die Gruppe weggefallen ist und ihr auf euch alleine gestellt wart?

Ich glaube, dass ich nicht in den ersten Tagen gekämpft hab. Schwierigkeiten haben sich erst mit der Zeit eingestellt. Es war einfach dann klar, dass dieser Rucksack jeden Tag mitgekommen wird. Das waren im Unterschied zu dem Tagesrucksack von vorher 10 -14 Kilo. Franz war dann für die Routenplanung verantwortlich und es gab keine Unterkünfte mehr. Es war dann immer die Frage, wo wir am Abend sein werden, wo wir unterkommen werden.

Eine grosse Angst auch, oder? War das belastend, dass man nicht gewusst hat, wo man am Abend ist?

Franz: Ja. Für mich schon. Manchmal hat es mich mehr belastet, manchmal weniger. Eine gewisse Nervosität war für mich immer da. Wir haben das einmal angesprochen und dann habe die Andern gesagt, dass ich für die Route zuständig sie und nicht Abends fürs Quartier. Und ich hab gesagt, dass ich die Tagesetappen so geplant habe, dass man am Abend eher ein Quartier findet. Aber es hat mir schon viel geholfen, dass die Andern gesagt haben, dass ich für den Weg zuständig sei aber nicht unbedingt fürs Quartier. Aber ganz habe ich die Anspannung auf dem ganzen Weg nicht weg gebracht. In Südtirol hatten wir noch Glück, dass wir schon am Anfang einen Bekannten von Christian hatten, der uns geholfen hat, ein Quartier zu finden. So wussten wir am ersten Tag noch, wo wir ein Quartier haben, doch dann hat es angefangen, dass wir versucht haben, umher zu telefonieren. Dann haben wir die ersten Absagen bekommen. Dann mussten wir suchen.

Du sagst Quartier. Nach was habt ihr da Ausschau gehalten?

Wir haben versucht, in Pfarreien oder Pfarrhäusern anzurufen, oder eben an einem Ort, privat, wo wir Leute kannten. Sonst halt eine Pension oder ein privates Zimmer.

Wie hat sich das eingependelt mit dem Laufen? Seid ihr immer gelaufen, auch wenn es ganz fest geregnet hat? Oder wie habt ihr eure Ruhezeiten eingehalten? Z.B an einem Sonntag?

Hildegard: Wir sind immer gelaufen. Wetter unabhängig. Es hat allerdings sehr wenig geregnet. Vor allem am Anfang in der Schweiz und im Südtirol. Nachher sind wir ja in den Sommer gekommen. Sonntag war nicht Sonntag bei uns. Wir haben immer dann einen freien Tag gemacht, wenn wir in einer grösseren Stadt gewesen sind, weil wir schon bald gemerkt haben, dass wir eine gewisse Infrastruktur brauchen, um uns richtig zu erholen. Ein richtiges Zimmer, wo wir auch zwei Nächte bleiben konnten. Wo wir auch etwas einkaufen konnten, wenn uns was gefehlt hat. Auch eine Post zu haben, war wichtig, sonst wäre das Freimachen nicht wirklich eine Erholung gewesen.

Du hast gesagt in der Schweiz und in Österreich hat es noch geregnet und dann ist der Sommer gekommen und mit dem auch die ersten Probleme. Was ist da abgelaufen?

Hildegard: Meine Angst, die ich vor dem Pilgern schon mit mir getragen habe, nämlich, dass ich mich vor der Hitze gefürchtet habe, die ist auch bestätigt worden. In dem Sinne, dass mir die Hitze enorm zugesetzt hat. Am Anfang in Kroatien haben wir uns noch geholfen, indem wir bei jedem Wasserhahn die Hüte oder unsere Halstücher nass gemacht haben. Oder eben unter eine Dusche gestanden sind, um für eine Stunde ein wenig Abkühlung zu haben. Aber die Hitze hat uns bis Istanbul begleitet. So waren wir über Wochen bei 30° bis 43° unterwegs.

War das so schlimm, dass du damals schon gedacht hast: "Was habe ich mir da nur eingebrockt. Ich würde lieber wieder nach Hause gehen."?

Der Gedanke war schon da. Bei mir hatte es dann die Auswirkung, dass mir über weite Strecken am Morgen schlecht war und ich Schwindel hatte. Ich habe erst später gemerkt, was für eine Belastung das nochmals zusätzlich war. Als das vorbei war, habe ich gemerkt, dass das natürlich auch noch einmal ein Energiefresser gewesen war.

Wie wurde das nachher besser?

Alle Leute haben mir immer über den Blog oder Facebook geschrieben, ich müsse einfach isotonische Getränke trinken oder Sachen kaufen, die den Haushalt mit den Elektrolyten ausbalancieren würden. Und da habe ich gedacht: "Super. Such mal in der serbischen Pampa nach "Isostar"." Das findet man dort nicht. Dann aber, im Süden von Bulgarien, habe ich in einer Apotheke Vitamintabletten und "Isostar" gefunden. Das hat augenblicklich die morgendlichen Beschwerden behoben.

Du sprichst jetzt schon Länder wie Bulgarien, Serbien, Schweiz und Österreich an. Das kam euch ja noch alles vertraut vor. Dann seid ihr in diese Länder gekommen, wie habt ihr euch da durchgeschlagen, Franz? Es wurde ja alles schwieriger. Z.B. die Speisekarte konnte man nicht mehr lesen, oder?

Franz: So wie du sagst: In Österreich und Südtirol war es noch vertrauter. Doch hatten wir auch kalte Duschen in Österreich erlebt, als wir kein Quartier gefunden haben. Da hat uns sogar jemand am Telefon gesagt, dass er schlechte Erfahrung mit Pilgern gemacht hätte und er würde keine mehr nehmen. So mussten wir weiter schauen. Und andererseits haben wir auch in Österreich übernachten können. Aber es waren ganz normale Pensionen. Man hat das bezahlt. Punkt. Das war ja auch gut für uns. Im Vergleich zu Kroatien aber, wo wir in Pfarrhäusern und Pfarrsälen schlafen konnten, haben die keinen Rappen genommen. Da konnten wir schlafen. Oder auch an vielen Orten in der Türkei, bei Verwandten, die nichts genommen haben. Das war noch anders. In Slowenien und Kroatien sind wir wirklich von einer Pfarrei, von einem Kloster zum andern weitergereicht worden. Die haben dann schon angekündigt, dass wir am Abend dort ein Quartier haben und das war sehr gut. Dann sind wir ganz freundlich und gastfreundlich empfangen und aufgenommen worden. Das war für mich wirklich eine grosse Hilfe gewesen. Ich mag mich an einen Tag mit viel Hitze erinnern. Es war schon zwei Uhr am Mittag und wir sind in diesen Ort hineingelaufen. Kein Baum, kein Schatten, nichts. Dann standen wir vor dem Pfarrhaus, haben geklingelt und es hat sich nichts gerührt. Dann haben wir überlegt, was wir machen können und dann haben wir doch nochmal eine Viertelstunde gewartet. Dann ist dann doch die Hausfrau raus gekommen. Wahrscheinlich hatte sie grad ihr Mittagsschläfchen gemacht und wir haben sie aus dem Bett geholt und darum hat das so lang gedauert. Dann haben wir aber gleich die grösste Freundlichkeit, Selbstverständlichkeit und Gastfreundlichkeit erlebt. Das war sehr schön.

In all den Ländern? In den ganzen Balkanländern? Oder habt ihr da auch andere Erfahrungen gemacht?

Hildegard: Grösstenteils hat es sich schon durchgezogen. Es gab eine Ausnahme und die war eigentlich schwerwiegend. Das war die Garage von einem Abt in den serbischen Voralpen. Da haben sie uns im Klostereingang nach einem Tag, wo wir 30 Kilometer gelaufen und wirklich erschöpft waren, gefragt, ob wir orthodox seien. Dann haben wir gesagt, dass wir römisch katholisch seien. Und dann war es ganz klar, dass sie uns unter diesen Umständen nicht aufnehmen könnten, obwohl sie Gästezimmer gehabt hätten. Es hat dann draussen schon gedonnert und dann meinten sie, dass wir vor dem Kloster unter den Sonnenschirmen die Nacht verbringen könnten. Auf das haben wir uns dann eingelassen. Dann kam dann effektiv der Regen ganz stark und ein Postulant des Klosters hat sich beim Abt für uns stark gemacht. Dann hat er sein Auto aus der Garage herausgefahren und dann haben wir auf dem Erdboden unsere Nachtlager aufgeschlagen. Es war viel besser, obwohl es auch da hineingeregnet hat.

Andere Konfessionen: Hat euch das auch in eurem eigenen Glauben, so wie ihr den Glauben gelebt habt, beeinflusst? Habt ihr da geschaut, wo ihr Eucharistie feiert? Dass ihr da irgendwie geschaut habt, dass man da niemanden konfrontiert damit?

Hildegard: Wir haben schon geschaut, dass wir mit unseren Gebeten, unserer Andacht oder mit der Eucharistiefeier nicht auf Provokation gegangen sind. Wir haben jeden Sonntag Eucharistie gefeiert. Das war für uns der Sonntag.
Franz: Meistens haben wir irgendwo unterwegs Eucharistie gefeiert. Also kaum in einer Kirche sondern einfach auf dem Weg.

Ganz aussergewöhnlich eigentlich…

Ja. Mit den einfachsten Mitteln, die wir hatten. Wir konnten keinen Altar mittragen. Christian hat uns einen Tipp gegeben, dass wir eine Ikone oder das Christusbild auf dem Rucksack tragen, um als Pilger erkannt zu werden. Und auf dem Bild sieht man, dass Christian dieses Bild auf dem Rucksack trägt. Wir hatten dann einfach einen Zinnbecher als Kelch dabei und Weissbrot. So wie wir es gefunden haben, haben wir es als eucharistisches Brot genutzt. Und dann das Pilgerband, von dem Hildegard schon erzählt hat, das wir als Stola genutzt haben. Z.B. in einem Garten auf dem Boden haben wir Eucharistie gefeiert.

War das so ein bisschen wie eine Ausnahmesituationen im Glauben? Ihr habt aber ja auch viele Ausnahmesituationen in den Ländern erlebt. Vor allem in Kroatien. Ihr seid durch ein ehemaliges Kriegsgebiet gelaufen. Schauen wir nochmal ein paar Bilder dazu an. Wo war das?

Hildegard: Das war ganz nah an der serbisch-kroatischen Grenze, wo der Krieg angefangen hat. Den Wassertrum haben sie als Mahnmal stehen gelassen. Für die Kriegshandlungen die in dem Gebiet ganz stark gewesen sind.

Habt ihr euch vorher schon darauf eingestellt oder war das dann doch auch ein Schock, das zu sehen?

Live habe ich das nicht gesehen vorher. Ich habe aber gewusst, dass es ein Kriegsgebiet ist und für uns war das auch ein Argument, dass wir genau den Weg nehmen über den Balkan, weil ein Motiv oder ein Beweggrund für unsere Wallfahrt das Gebet für den Frieden, Versöhnung und Verständigung war. Und da habe ich gesagt, dass ich gerne auch durch den Balkan laufen würde. Durch die Länder in denen es vor 20 Jahren noch Krieg gegeben hat. Um genau an den aktuellen Orten für den Frieden und die Versöhnung der verschiedenen Völker zu beten. In dem Sinn waren wir schon darauf eingestellt, dass es kommen wird. Trotzdem war ich sehr berührt, als es dann da war und als man dann gesehen hat, dass eine Brücke nicht mehr ganz neu ist, weil sie zerstört war oder, dass Häuser noch immer die Spuren von Einschusspatronen hatten.

Also leben da jetzt noch Menschen drin?

Ja. Dort leben die Menschen drin. Und man sieht, dass die Fenster repariert sind aber der Verputz ist noch der alte. Und vorher hat man auch Minenfelder gesehen, wo wir auch knapp daneben gelaufen sind. Dort steht dann ein Totenkopf und es wird geschrieben, dass man nicht reinlaufen darf, da immer noch alles vermint sei. Z.B. ein Waldgebiet, das noch nicht von den Minen gereinigt worden ist. Da darf man keinen Schritt reinsetzten, weil man nicht weiss, ob man dort auf eine Mine tritt und dann die ganze Sache in die Luft geht.

Hattest du da Angst, Hildegard, an so einem Stück Land vorbei zu laufen?

Nein. Weil wir haben gewusst, was uns erwartet und wir haben gewusst, dass es gekennzeichnet sein wird und dass wir da unter keinen Umständen von den Strassen weg dürfen, auf der wir drauf laufen. Wenn wir uns an das halten, dann passiert uns auch nichts.

Hat das deine Route irgendwie durcheinander gebracht, Franz?

Nein. Das nicht. Ich habe schon im Vorfeld im Internet geschaut, welche Gebiete noch als verminte Gebiete gelten. Die werden jetzt auch Gott sei Dank immer weniger. Aber für mich, für die Routenplanung, war es gut, dass ich gewusst habe, dass die Wege, auf der wir liefen, gesichert waren.

Wie hat sich deine Routenplanung überhaupt bewährt bis dahin? Oder sagen wir mal die erste Halbzeit?

Hildegard: Da könnte ich etwas dazu sagen. Seine Planung war etwas Unglaubliches. Wir haben uns am ersten Tag ein paar hundert Meter in einem Blumenkohlfeld verirrt. Weil Franz gemeint hat, dass es dort eine Abkürzung gibt aber dann haben uns die Bauern zurück geschickt. Dann haben wir uns noch in der Südtürkei, man sieht es da im Bild, ein paar hundert Meter verirrt. Das waren die einzigen Tage, in 180 Tagen. 180 Tage hat Franz eine Route geplant, die einfach von A bis Z gesessen hat.

Wie bist du da selber noch zum Pilgern gekommen, wenn du dich so auf den Weg konzentrieren musstest?

Ich denke, die Frage ist, was man sich unter Pilgern vorstellt. Für mich gehört der Weg wesentlich zum Pilgern dazu. Und freilich habe ich mich mehr mit dem Weg beschäftigt, als die andern drei. Das ist logisch aber es hat jeder seine Aufgabe gehabt, auf die er sich schwerpunktmässig konzentriert hat. Ich habe mich um andere Sachen nicht kümmern müssen. Hildegard z.B. hatte immer ein Auge darauf gehabt, was man fotografieren könnte oder nicht. Ich habe nie darauf geschaut, was mal ein schönes Motiv wäre oder was man fotografieren könnte. Ich hab halt auf den Weg geschaut.

Wie sind die Umwege in der Gruppe angekommen, Hildegard?

Dadurch, dass es ja praktisch nie passiert ist, ist es eigentlich viel mehr darum gegangen, Franz zu bestärken, dass das nicht schlimm ist und dass das jetzt passieren durfte. Wir waren so lange unterwegs und wir haben uns immer darauf verlassen können. Und er hat ja immer am Abend noch gesucht, wo er die Strecke für uns noch ein wenig verschönern könnte. Indem man von der Hauptstrasse weg kommt. Und das ist so oft gelungen, obwohl er über Google Earth das nie alles im Detail anschauen konnte. Und da ist es halt einmal nicht gelungen. Das war für alle klar, dass das passieren durfte.

Wie war die Stimmung in der Gruppe in dieser Zeit? Ist man da schon gross zusammengewachsen, Hildegard?

Wie haben uns in der Gruppe so alle zehn Tage Zeit genommen, um einander zu erzählt, wie es uns geht. Das war ein Instrument um von einander auch gewisse Sachen auszusprechen. Wir hatten bis dahin zwei, drei Mal unterwegs gereizte Stimmungen. Dabei ging es darum, etwas zu entscheiden, an welchem Platz wir was machen und das haben wir bis Istanbul wirklich ansprechen können. In dem Sinn war die Gruppe auch wirklich gut unterwegs.

Hat es nie so richtig gekracht, wo es geheissen hat: Wir gehen jetzt besser in zwei Gruppen weiter?

Das hätten wir gar nicht gekonnt. Es war so klar gewesen auf dieser Pilgerschaft, dass wir nur zusammen vorwärts kommen. Nur schon wegen dem GPS. Aber auch wegen anderen Sachen. Wir hatten nur eine Kasse und eine Apotheke. Am Abend war ja nie klar, wo wir am Abend landen würden, um zu sagen: "Ciao zusammen, ich mach den Weg heute alleine". Das kann man sich nicht so vorstellen. Man wusste nicht: "Am Abend sind wir am XY und dort treffen wir uns am Bahnhof." Wir hatten alle keine Ahnung, wo wir schlussendlich landen und wo wir eine Unterkunft finden würden. Wir mussten uns auch fragen: Laufen wir noch ein wenig weiter oder stoppen wir früher.

Ihr hattet auch überhaupt keine Rückzugsmöglichkeiten, oder?

Franz: Die einzige Möglichkeit war unterwegs, sich ein wenig zurück fallen zu lassen. Oder zu sagen: "Ich möchte jetzt ein oder zwei Stunden alleine für mich laufen. Geht ihr nur. Ich möchte ein wenig Abstand haben. Lasst mich für mich laufen." Das hat es gegeben.

Hildegard, wie war für dich das Leben in der Gruppe? Ihr seid ja eigentlich beides Menschen, die sonst alleine seid und jetzt plötzlich in einer Gruppe. War das eine grosse Umstellung?

Ja das war eine grosse Herausforderung für mich. Ich habe schon ziemlich früh in einer Austauschrunde gesagt, dass ich mir eigentlich wieder vorkomme wie früher in der Familie. Alle sind auf einander angewiesen, dass man vorwärts kommt. Es ist klar, dass man zusammen bleiben muss, wir brauchen einander. Aber für alle war es ein wenig zu eng.

Man war plötzlich auch von andern abhängig. Zu Hause kannst du machen, was du für richtig hältst. Dort warst du abhängig…

Hildegard: Genau. Ich für mich kann auch sagen, dass ich in den sieben Monaten keine Rückzugsmöglichkeiten hatte. Meine Variante wäre ja nur gewesen, zurückzufallen. Schneller als die Andern zu laufen, wäre gar nicht möglich gewesen. Dieses Gespür, dass die Andern da sind und man sie sieht, das war bei mir immer präsent. Mich einfach nur mal ausklinken, das hat es für mich gar nicht gegeben.
Franz: Hildegard hat sich selber die Aufgabe gestellt, dass sie für das Klima in der Gruppe die Hauptverantwortung übernehmen möchte. Und sie hat dann auch immer wieder herausgefordert, dass man den Austausch wieder macht. Oder anspricht, wo einem im übertragenen Sinne der Schuh drückt. Das hat sie sehr gut und konsequent gemacht. Das glaube ich hat auch viel dazu beigetragen, dass das Klima sich wieder entschärft oder entspannt hat.

Bist du denn auch an deine Grenzen gekommen? Hildegard hat die Hitze und die Knie angesprochen. Was hat dir weh getan?

Ich hatte nie etwas. Das war irgendwie komisch. Ich versteh es selber nicht. Ich hatte keine einzige Blase, hatte kein Fussbrennen, kein Schuhdrücken, keine Rückenschmerzen, keine Hüftprobleme und keine Knieschmerzen.
Hildegard: Mit der Zeit hat er mir noch ein Kilo aus meinem Rucksack abgenommen und zusätzlich getragen.
Franz: Ich verstehe es selber nicht, warum mir nie etwas weh getan hat. Aber mit dem habe ich auch irgendwie gemerkt, dass ich etwas übernehmen kann, bei dem man gemeinsam zu beissen hatte.

Wir hatten es vorher noch von Abhängigkeit. Hildegard, du hast ja da diese Sprachen nicht so gekonnt, wie Franz. Wie war das, dass man so völlig abhängig war? Oder konntest du mit diesen Menschen trotzdem kommunizieren?

Mit der Zeit haben wir diese Sätze, die Franz immer wieder gesagt hat, auch gekonnt. Wir konnten guten Tag sagen, sagen, wo wir hinlaufen und, dass wir alles zu Fuss machen. Dann hat meistens schon ein Gespräch stattgefunden, wo dann Franz als Dolmetscher tätig war. Das hat mir gar nichts ausgemacht. Die Gespräche, die Franz effektiv mit diesen Menschen geführt hat, gingen auch nicht über zehn Sätze hinaus. Wir haben 100000 Mal dasselbe gesagt auf alle Sprachen. Wir kommen aus der Schweiz, wir gehen nach Jerusalem, heute ist der 120 Tag, wir laufen 25 – 35 Kilometer am Tag, der Rucksack hat 12 Kilo, diese Stöcke brauchen wir gegen die Hunde.

Gegen die Hunde?!

Das haben wir den Leuten so gesagt, weil sie das am ehesten verstanden haben.

Du hast dann ein wenig Türkisch gelernt. Hat sich da etwas geändert bei euch, als ihr in die Türkei gekommen seid?

Ja total. Da ist Franz verstummt und hat noch lange Zeit in der Türkei nicht viel gesagt. Christian und ich haben dort die Kommunikation übernommen und sind immer mehr hineingewachsen. Diese paar Brocken, die wir konnten, mussten wir wirklich immer Tag für Tag anwenden. Aber unser Wortschatz ist in dieser Zeit nicht gewachsen. Wir konnten dies Brocken mit der Zeit einfach ganz fliessend sagen.

Dann seid ihr dann in die Türkei gekommen. In unserem nächsten Talk reden wir dann auch über diese Zeit in der Türkei. Dann machen die Beiden nämlich auch einmal Ferien. Tragen Sie sich doch ein in unseren Newsletter. Dann verpassen Sie auch unseren neuen Film nicht und sind wieder dabei. Ich freu mich auf Sie.


Mit Hildegard Aepli und Franz Mali über die Pilgerreise nach Jerusalem unterhielt sich Naomi Hasler.
Fribourg, 18. Februar 2012.
© 2012 HASLER4u GmbH


Wieder sehr beeindruckend und sogar mit amüsanten Sequenzen. Was hält der Mensch nicht alles aus, wenn es keine Alternative gibt! Wunderbare Gesprächsführung -Inhalt pur auf beiden Seiten- und dass es nun sogar eine Möglichkeit gibt, Bilder oder Filmausschnitte dank Fernseher einzuspielen, ist schon eine tolle Sache. Die Professionalität hat sichtbar zugenommen.
Moha
Liebe Naomi. Ich freu mich auf auf den nächsten Talk. Du machst das so gut mit Hildi und Franz. Es ist eine wahre Freude euch zuzuhören. Herzliche Grüsse von Barbara, Hildis Schwester
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