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Hildegard Aepli und Franz Mali - Jerusalempilger 1/4

Hildegard Aepli und Franz Mali im Talk mit Naomi Hasler. In diesem 4-teiligen Pilgerspecial erzählen Hildegard Aepli und Franz Mali von ihren Erfahrungen auf der siebenmonatigen Pilgerreise nach Jerusalem. Im ersten Talk: Wie kam es überhaupt zu der Idee der Pilgerreise? Wie haben sich die Pilger auf die Reise vorbereitet? Was mussten sie zurücklassen und wie schwer fiel der Abschied? Erfahren Sie mehr über die aufwändige aber wichtige Routenplanung und über wichtige Pilgeraccessoires!
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Ein Gespräch mit Hildegard Aepli und Franz Mali über ihre Pilgerreise nach Jerusalem (Teil 1/4)

Grüezi und herzlich willkommen zu KathTalk. Im letzten Juni ist eine Vierergruppe aus der Schweiz in gut einem halben Jahr nach Jerusalem gepilgert. Alles zu Fuss. Vor Weihnachten haben Christian Rutishauser, Esther Rüthemann, Franz Mali und Hildegard Aepli tatsächlich diese 4300 Kilometer hinter sich gebracht und in Jerusalem die Festtage verbringen können. Unterdessen sind sie schon wieder gut einen Monat zurück in der Schweiz. Bei mir zu Gast sind jetzt zwei der vier Pilger. Hildegard Aepli und Franz Mali. Hallo zusammen.
Hildegard, wann hast du eigentlich in diesem ganzen Projekt "Wallfahrt", vor dem Loslaufen, die ersten Tränen vergossen?

Vor dem Loslaufen. Gar keine.

War der Entscheid, auf diese Wallfahrt zu gehen, ein ganz klarer Entscheid mit wenig Emotionen?

Ganz klarer Entscheid ist mal richtig. Der Entscheid ist bei mir ja schon mehrere Jahre vorher gefallen und dann in der Zwischenzeit auch gar nie in Frage gestellt worden. Wenige Emotionen. Das stimmt nicht. Es gab vor dem Gehen sehr viele Emotionen. Das Abschiednehmen, die Anteilnahme von vielen Leuten, die zurück geblieben sind, auch von meiner Familie. Die war enorm. Die ersten Tränen habe ich vergossen, wo wir mit meiner Familie das Abschiedswochenende in Amden verbracht haben. Wir haben einen Gottesdienst gefeiert, wo auch Franz dazu gekommen ist und da hat eine meiner Nichten nach dem Gottesdienst nicht mehr aufgehört zu weinen. Sie hat herzzerreissend geweint und das hat mich auch sehr mitgenommen. Und als ich sie dann gefragt hab, warum sie weine, hat sie gesagt: "Weisst du, ich versteh einfach nicht, warum du so lange, so weit weggehst."

Ist dir das in dem Moment auch so bewusst geworden? Wie lange das eigentlich ist?

Ich kann das nicht so sagen. Es war für mich klar, dass es für mich sehr lange sein wird. Weit weg von zu Hause, zu Fuss, ohne Erfahrungen zu haben und nicht zu wissen, was mit uns allen zusammen passiert.

Du sagst, dass es Jahre her ist, als du die Entscheidung gefällt hast. Wie ist das gelaufen?

Christian Rutishauser hat diese Vision schon ein Jahrzehnt mit sich herum getragen. Eigentlich hatte er diese Vision schon als junger Mann. Dann bin ich mal mit Theologiestudierenden von Fribourg im Lassalle-Haus gewesen, wo er der Bildungsleiter ist. Er hat dann in der Cafeteria eine Stunde mit uns verbracht und mit uns gesprochen. Dann hat er gefragt, was sie für Visionen hätten. Dann war Schweigen im Walde, es hat niemand etwas gesagt. Er hat darauf gesagt, dass er schon eine Vision hätte. Er wolle einmal in seinem Leben nach Jerusalem laufen.

Fandest du das eine verrückte Idee, oder hat dir das eingeleuchtet?

Ich konnte gar nichts denken, weil, kaum hatte er diesen Satz fertig gesprochen, hatte er mich gefragt, ob ich mitkommen würde. Und ich habe, ohne nachzudenken, ja gesagt.

Franz, ist bei dir dieser Entscheid auch so klar gefallen? So aus dem Nichts?

Nicht ganz aus dem Nichts. Christian hat mich auch gefragt, ob ich mitkommen wolle. Wahrscheinlich auf den Tipp von Hildegard hin. Ich habe mir dann überlegt, wie ich es mit dem Beruf organisieren kann. Für das habe ich einen Moment gebraucht. Um alles zu organisieren, wie es laufen könnte. Es war dann ab dem Moment klar, dass ich mitkomme, wo ich gesehen habe, dass ich das mit der Arbeit organisieren kann.

Wieso wolltest du mitgehen?

Für mich war die Sehnsucht, nach Jerusalem zu kommen, immer da. Ins Heilige Land zu gehen. Ich hatte in den vergangenen Jahrzehnten ein paar Mal die Option gehabt, mit einer Gruppe, mit dem Reisebüro, mitzugehen, oder selber zu organisieren. Das hat mich nie angemacht. Beziehungsweise habe ich sogar gebremst, dass man so etwas organisiert. Ich fand, dass ich nicht einfach als Tourist dahin gehen könne, um das anzusehen. Ich habe in Russland ein, zwei palästinensische Studienkollegen gehabt, die aus ihrem Leben erzählt haben. Da hab ich gedacht, dass ich nicht wie ein Tourist dort hingehen kann, um die schönen und archäologischen Sachen anzusehen, um dann wieder nach Hause zu fliegen. Das konnte ich nicht. Die Option, dann zu Fuss dorthin zu gehen, das war die Art und Weise, wie ich meinen Respekt und mein Achtung vor den Menschen und dem Konflikt gebührend zum Ausdruck bringen konnte.

Was bedeutet dir Jerusalem? Für was steht das?

Jerusalem steht für mich für Sehnsucht nach Himmel. Von meinen biblischen Hintergrund her, kann ich sagen, dass ich mich nach einer Vollkommenheit sehne. Nach dem Beistand Gottes, der nur von oben kommen kann. Gleichzeitig ist das Bild so unvollkommen, so widerborstig, so widerspenstig, dass es für mich fast glaubwürdiger ist, weil das Bild fast gar nicht perfekt ist. Es sind so viele Ecken und Kanten, so viele Löcher und Schattenseiten, dass ich mir denke, dass man so ein unvollkommenes Bild mit der Wirklichkeit, mit meinem Wunsch nicht verwechseln kann. Das finde ich gut daran.

Hildegard, hat Jerusalem auch für dich diese Bedeutung gehabt, oder hättest du auch ja gesagt, wenn Christian Rutishauser gesagt hätte, dass ihr irgendwo anders hingeht?

Das war von Christian gar nicht möglich, dass er irgendwo anders hin pilgert. Ich hätte jetzt vor der Wallfahrt nicht so klar sagen können, für was Jerusalem steht, so spontan. Wenn ich nachgedacht hätte, wäre ich sicher auf etwas gekommen. Aber ich habe mir das auch einfach offen gehalten. So effektiv weiss ich es erst, seit ich in Jerusalem angekommen bin. Das Wichtigste ist für mich die Grabeskirche geworden, wo die beiden Kreuzigungsorte Jesus und das leere Grab von Jesus unter einer Kuppel beheimatet sind. Da ist mir die Dimension von meinem Glauben auch in einer ganz besonderen Art aufgegangen.
Auf die Bedeutung dieser Grabeskirche kommen wir sicher dann noch im vierten Talk zurück. Ihr habt beide diesen Entscheid gefällt, dann ging es ans Vorbereiten. Was habt ihr da gemacht, Franz?

Wir haben diese Aufgaben ein wenig verteilt. Schon 2.5 Jahre bevor wir losgegangen sind. Ich war für die Routenplanung zuständig und für mein persönliches Vorbereiten. Ich habe dann mein Freisemester für die Wallfahrt verschoben. Ich hätte es zwei Jahre vorher nehmen können, aber ich habe es dann verschoben. Die konkreteste Vorbereitungszeit, die ich investiert habe, war die der Routenplanung. Alle Kilometer auf dem ganzen Weg, sprich 4300 Kilometer, vorausplanen. Welche Abzweigung, welchen Weg nehmen, wo gibt es etwas auf der Karte, das nicht klar ist, wo könnte etwas sein, wo wir nicht durchkönnen, wo gibt es eine Abkürzung, etc. Das war für mich immer die Frage. Wo wir nicht auf der Autobahn laufen müssen, sondern einen Feldweg nehmen können, die Unterkünfte, den ganzen Weg in Tagesetappen strukturieren.

Du warst zuvor auch kein Experte auf diesem Gebiet. Wie bist du an das herangegangen?

Ich war kein Experte. Ich ging davon aus, dass es von den Ländern elektronische, digitalisierte Karten gibt. Dann habe ich geschaut, für welche Länder ich Karten kaufen oder aus dem Internet runterladen könnte. Dann habe ich versucht, Land für Land zu bearbeiten. Bis Bulgarien runter habe ich dann noch Karten bekommen. Für Kroatien, Slowenien konnte ich es noch in der Schweiz kaufen, für Serbien musste ich es in Belgrad per Internet bestellen und für Bulgarien musste ich nach Sofia eine E-Mail schrieben, um herauszufinden, wo ich in Sofia die Karte für Bulgarien bestellen konnte. Für die Türkei konnte ich es wieder über die Firmen selber bestellen. Da gab es aber nur eine Strassenkarte, wo nur Autobahnen und Autostrassen eingezeichnet waren. Kleinere und mittelgrosse Orte oder Städte waren gar nicht angegeben. Für Syrien und Jordanien gab es gar keine vernünftige Strassenkarte oder von Firmen zur Verfügung gestellte Strassenkarten, sondern nur Karten im Internet, die man gratis runterladen konnte. Die waren natürlich zum Teil nur sehr oberflächig und sehr grob gewesen.

Aber ihr seid da ja nicht wirklich mit einer Karte in der Hand losgelaufen. Wie seid ihr da vorgegangen?

Ich habe ein GPS gekauft, das gehörte auch zur Vorbereitung. Ich war kein Spezialist. Ich habe 1.5 Jahre vor dem Loslaufen dieses Gerät gekauft und die erste Unsicherheit kam dann, als das erste Gerät nach drei Monaten den Geist aufgegeben hat. Dann habe ich ein Ersatzgerät bekommen und dieses Gerät hat dann nach fünf Tagen den Geist schon wieder aufgegeben. Dann habe ich das dritte Gerät bekommen und da war dann schon eine Unsicherheit da. Ich war nervös, ob dieses Gerät hält.

Wie hast du Franz in dieser Zeit erlebt, Hildegard?

Ich war sehr froh, als das erste Mal durch den Kontakt zu einem Kollegen klar wurde, dass es einfach kaputt ist. Du hast immer noch probiert und hast immer gedacht, dass es nicht klappt, weil du nicht damit klar kommst, das Zweite ist so schnell kaputt gegangen und beim Dritten war das dann kurz vor dem loslaufen. Da habe ich auch gespürt, dass die Spannung steigt und dann hat es dann irgendwann eine Wanderung gegeben, in der es einfach geklappt hat. Aber dieses GPS war so etwas Wichtiges, und zuvor hat man so schlechte Erfahrungen gemacht.

Warst du froh, dass du nicht selber die Aufgabe bekommen hast

Das hätte ich niemals alles gekonnt, was Franz auch im Zusammenhang mit dem Internet und mit den Karten gemacht hat. Das war eine unglaubliche Verantwortung, die er da auch übernommen hat und das auch machen konnte.
Schauen wir doch mal ganz konkret an, wie du das gemacht hast, Franz, du hattest ja so ein Programm.

Das hier ist z.B. so eine Karte, wie man sie aus dem Internet gratis runterladen kann. Wir sehen hier einen schwarzen Strich. Das ist die Grenze zwischen der Südtürkei und Syrien. Das ist Syrien und das ist noch die Türkei. Man sieht also die Bundesstrasse 1, die hier eingezeichnet ist und hier ist die türkische Hauptstrasse. Hier unten ist die türkische Autobahn eingezeichnet. Da ist eine kleine Nebenstrasse angegeben, die nicht so gross ist, aber man sieht auch, dass gar keine Ortschaft angegeben ist, kein Dorf, keine Stadt, nichts. Und hier ist diese Grenze zwischen der Türkei und Syrien. Das Gerät selber, dieses Computerprogramm, rechnet den Weg aus und ich habe immer geschaut, dass ich den kürzesten Weg nehme.

Das heisst, du hast immer Hilfe gebraucht?

Ja. Man sieht hier diese Karte, die der Computer ausgerechnet hat. Ich habe versucht, diese Karte in Google Earth rüber zu kopieren und dann sieht man die Google Earth Karte, mit Bergen, mit Hügeln und mit kleineren Strassen und da habe ich dann gesehen, dass man diese ganze kurve z.B. gar nicht auslaufen muss und dann habe ich das eingezeichnet. Vielleicht kannst du das Nächste zeigen, da sieht man dann, dass ich versucht habe, eine Abkürzung zu zeichnen, damit man nicht den ganzen Bogen auslaufen muss. Das habe ich dann manuell gemacht. Als wir dann an diese Stelle gekommen sind, und ich nach hinten laufen wollte, kam die Meldung, dass wir nicht nach hinten laufen dürfen. Der Mann hat nicht genau gesagt, was es ist, doch habe ich gewusst, dass es ein Nationalpark ist, wo der Weg durchgegangen wäre. Die zweite Möglichkeit, warum er mich gewarnt hat, war wahrscheinlich, dass er gedacht hat, dass wir wieder Richtung Grenze laufen. Bei der Grenze ist das immer kritisch. Ich war dann wirklich dankbar, dass wir diesen Weg genommen habe, denn genau an dieser Stelle, an dieser Abzweigung ist, war eine Militärkontrolle. Da war ich froh, dass wir durch die Militärkontrolle durchgegangen sind, registriert worden waren und keinen Weg hinten durch genommen haben, sonst hätten wir uns mehr verdächtig gemacht.

Wie viel dieser Strecke hast du bei deiner Vorbereitungsphase vorher rausgesucht?

Bis Istanbul. Das waren 2500 Kilometer.

Dann musstet ihr euch auch sicher noch anders vorbereiten. Abgesehen von dem Weg. Hildegard, was stand bei dir im Zentrum?

Ich habe angefangen türkisch zu lernen. Ausserdem war ich verantwortlich für das Visum von Syrien, bei der Botschaft in Genf. Das waren diese zwei Sachen. Ansonsten haben wir mit der Zeit auch alle Outdoorläden in Fribourg und Bern abgeklappert, weil wir wirklich intensiv nach Sachen, die leicht und funktional sind, gesucht haben. Materialen miteinander verglichen haben. Pilgersachen. Das hat auch Zeit gebraucht.

Woher habt ihr gewusst, was ihr mitnehmen müsst? Gibt es da einen Guide für Pilger, einen Ratgeber?

Also ich war ja selber schon zweimal mit Gruppen auf dem Jakobsweg. Je drei Wochen. Da gibt es dann schon Erfahrungswerte, was man mitnehmen soll. Wir sind aber auch in den Herbst und Winter hineingelaufen.

Wir sehen mal hinein, was ihr da alles mitgenommen habt. Die Kleider nehmen gar nicht so einen grossen Platz ein.

Nein. Ganz wenig. Die eine Garnitur hatten wir an, und die Zweite war im Rucksack und vielleicht noch Jackensachen. Oben links ist die Apotheke, die wir als ganze Gruppe dabei hatten, Necessaire, ein Liederbuch, den Pilgerpass, den wir dann mit der Zeit nach Hause geschickt haben, ein Tagebuch, Fotosachen, Sandalen, Wanderschuhe…

Was hat es mit dem Pilgerpass auf sich?

Den Pilgerpass haben die Menschen, die den Jakobsweg machen. Damit sie am Schluss die Urkunde bekommen, müssen sie immer an verschiedenen Ortschaften einen Stempel abholen. In Kirchen, Pfarreien oder in anderen Gebäuden. Und wir haben gemerkt, dass es uns viel zu anstrengend wird, am Abend noch einem Stempel nachzurennen. Und die Route nach Jerusalem, die ist nicht organisiert. Das ist nicht wie auf dem Jakobsweg, wo man weiss, dass er bekannt ist.

Hat irgendetwas gefehlt, habt ihr etwas mitgenommen, woran ihr da noch nicht gedacht habt?

Nein. Aber wir haben immer wieder mal Sachen abgestossen. Gefehlt hat uns eigentlich nichts.
Franz: Im Vergleich zu Hildegard, hatte ich im Rucksack noch das GPS-Gerät, Hildegard hatte den Fotoapparat, Ich hatte das GPS. Was da jetzt nicht drauf ist, war das Handy. Mit dem haben wir kommuniziert. Was ich noch dabei gehabt habe war ein kleines Netbook, mit dem wir Blog geschrieben haben und die Route aufgeschaltet haben.

Beide hatten so einen Hut dabei, wie ist es dazu gekommen?

Alle vier. Mein Bruder hat den mal im Familienurlaub entdeckt. Er hat eine ziemliche Glatze und brauchte ein wenig Sonnenschutz. Er war so begeistert von diesem Hut, der aus Amerika kommt. Bei einem Treffen hat er dann Franz gesagt, dass er den mal anprobieren solle, er hätte ihn ein wenig zu gross gekauft. Und Franz hat der Hut perfekt gesessen und dann hat er gesagt, dass er ihn ihm schenke. Ein paar Tage später habe ich eine gewisse Eifersucht gespürt, im Sinn von, ich will auch einen Hut von meinem Bruder für die Pilgerschaft. Dann habe ich gewagt, es ihm zu sagen, und dann hat er beschlossen, allen vieren so einen Hut zu schenken. Dieser Hut war eine ganz tolle Sache. Er hat auch gewissen Regen abgehalten und hatte eine grosse Krempe, für all die Sonnentage, die wir hatten. Der Hut wurde zu einem sehr wichtigen Utensil.
Franz: Einmal hat einer von uns den Hut vergessen, verloren oder er wurde gestohlen. Man weiss es nicht so genau. Dann hat er unterwegs nochmal einen Ersatz organisiert für uns.

Das waren jetzt alles praktische Sachen. Es brauchte wahrscheinlich auch noch innerliche Vorbereitung. Gerade Hildegard, du hast etwas ganz verrücktes mit deinen Tagebüchern gemacht.
Ich muss dazu sagen, dass ich mich dazu entschlossen hab, meine Stelle zu künden und meine Wohnung aufzugeben. Das hat bedeutet, dass ich mich vor dem Pilgern, mit dem Einpacken und dem Verstauen von meiner ganzen Haushaltung beschäftigen musste. Dann bin ich bei dieser Gelegenheit auch an eine ganze Reihe von Tagebüchern, sicher 20-30 Stück gestossen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich in den letzten zehn Jahren, diese Tagebücher kein einziges Mal angesehen habe und habe darüber nachgedacht, ob ich die nochmal in eine neue Wohnung mitnehmen soll. Dann habe ich die gelesen und durchgeblättert. Das war nicht sehr umwerfend. Ich habe einfach gemerkt, dass diese Tagebücher in einem gewissen Abschnitt meines Lebens eine ganz wichtige Funktion gehabt hatten. Zu helfen, mich besser formulieren zu können. Dann habe ich in den vergangen zehn Jahren gemerkt, dass dieser Prozess zwar gelaufen ist und ich es dokumentiert habe, doch habe ich dann gedacht, dass ich die weder für mich noch für jemanden Andern aufbewahren müsse. So wollte ich sie vernichten. Von mir aus hätte ich die in den nächsten Container geworfen. Dann hat aber jemand gesagt, dass ich das nicht machen könne, ich müsse die auseinander nehmen und schreddern. Das habe ich dann auch gemacht. In stundenweiser Arbeit mit diesem kleinen Schredder, habe ich diese Tagebücher auseinander genommen und Blatt für Blatt durchgeschreddert. Da hatte ich dann eine richtige Freude, an dem Berg an Papier, den ich da produziert hatte. Eine Freundin von mir hat dann auch gemeint, dass sie diese Schnitzel wolle, um noch eine Skulptur daraus zu machen.

Du würdest die nicht wieder zusammenkleben wollen?

Ich habe kein Verlustgefühl, nein.

Für dich war ganz klar, dass das ein Einschnitt in dein Leben geben würde. Ihr habt euch darum gekümmert, was ist, wenn ihr nicht mehr von eurer Reise zurückkommt. Hast du nicht ein Testament aufsetzen lassen, Hildegard?

Ich habe eine Predigt für meine Beerdigung geschrieben. Ich habe meinen Lebenslauf in Form von einer Predigt geschrieben. Doch, ein Testament habe ich auch gemacht. Stimmt.

Franz, hattest du überhaupt Zeit, neben der ganzen Routenplanung, dich innerlich auf diese Wallfahrt vorzubereiten?

Ja schon. Ich habe im Vorfeld auch einiges organisiert. Von meiner Arbeit und von den Seminaren her. Ich habe ein ganzes Semester ein Seminar organisiert, sowie einen Studientag zum Thema Wallfahrt, zu dem ich Referenten eingeladen habe. Ich habe Literatur aus der Vergangenheit, aus der Geschichte, aus meinem Fach dazu gelesen und studiert und habe mich damit auseinander gesetzt, wie früher die Menschen gegangen sind. Innerlich kann ich mich an das, was Hildegard gesagt hat, anschliessen. Ich hab das Testament aktualisiert, habe jemanden gefragt, ob er für mich einige Sachen erledigt, wie Wohnung versorgen, alle Rechnungen und Konten verwalten und falls etwas ist, dass man eine Ansprechperson hätte, die mehr oder weniger alles verwalten kann und für alles eine Vollmacht hat.

Dann, als es wirklich ans Abschied nehmen gegangen ist. Hildegard hat schon erzählt, wie schlimm das auch in der Familie gewesen ist, wie war es bei dir?

Bei mir war es weniger aufregend. Meine Familie ist so weit weg. Abgesehen von Telefonaten war nicht viel möglich. Ich wollte noch vor der Wallfahrt, vor Ostern dort hingehen. Und dann war ich aber krank in diesen Ferien und konnte nicht für vier Tagen dort hinfahren. Was mich sozusagen immer ein bisschen begleitet hat und auch schon im Vorfeld beschäftigt hat, war, dass meine Mutter schon sehr alt ist. Sie ist inzwischen 82 Jahre alt und war schon dazumal schwer krank. Das hat mich schon beschäftigt. Was mache ich, wenn mit ihr jetzt wirklich etwas Ernsthaftes ist? Unterbreche ich die Wallfahrt, oder nicht?

Hast du das vorher schon entschieden, oder hast du dir gesagt, dass du das offen lässt und es entscheiden kannst, wie es dann kommt?

Wir haben das in der Gruppe besprochen. Die anderen fanden, dass es vom Zeitplan her möglich sein sollte, dass wir es für eine Woche unterbrechen könnten, um nach Hause zu fliegen. Oder wir wären alle vier zurück geflogen. Wenn die Mutter stirbt. Und wir könnten danach wieder weiter laufen.

Ihr seid tatsächlich aufgebrochen, hier ist der Auszug aus dem Salesianum hier in Fribourg. Hildegard, dich sieht man hier grad mit dem Rucksack bepackt. Was ist dir da durch den Kopf gegangen?

Ich war total überrascht. Ich habe den Studierenden vom Salesianum , wo ich, während elf Jahren Hausleiterin gewesen war, gesagt , dass man mich an den Bahnhof begleiten könne, falls jemand das möchte. Dann haben sie da gestanden. Spalier, mit Schirmen. Es hat geregnet und die Gruppe hat mich dann bis an den Bahnhof begleitet. Das war unglaublich schön, dass ich da nicht allein hinunter laufen musste, aus dem Haus, in dem ich elf Jahre lang gerne mit Studierenden zusammen gelebt und gearbeitet habe. Dass so viele da waren und mir einfach Geleit gegeben haben. Das war sehr bewegend.

Ihr habt ja dann zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas auf den Weg mitbekommen. Das Pilgerband. Was hat es damit auf sich?

Das Pilgerband hat mir Schwester Ruth, das ist eine Zisterzienserin vom Kloster Eschenbach, geschenkt. Das ist ihre Erfindung, sie wollte mir noch etwas auf den Weg mitgeben und hat aus alten Leinen das Band genäht. Es hat uns dann unterwegs als Stola gedient, wenn wir Eucharistie gefeiert haben. Es hat 30 Fächer und es ist beschriftet mit dem Jesusgebet. Es heisst da immer wieder in verschiedenen Schriftgrössen: "Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser." Schwester Ruht hatte die Idee, dass ich in diese 30 Fächer unterwegs Gedichte reinstecken könnte, wenn ich solche schreiben sollte. Effektiv hatten wir die Idee, als wir mit der ersten Gruppe durch die Schweiz gelaufen sind, dass diese Menschen, die möchten, Gebete mitgeben könnten. Das hat diese Gruppe auch genutzt. Dieses Band war, als wir dann zu viert von der Schweizer Grenze an vorwärts gelaufen sind, gefüllt mit Anliegen. Da haben wir dann jeden Tag, wenn wir unsere Gebetszeit unterwegs gemacht haben, eins dieser Anliegen nach vorne genommen, es vorgelesen und sind dann für diesen Menschen oder dieses Anliegen diesen Tag gelaufen. Das ist dann zu einem unglaublichen Begleiter geworden, dieses Pilgerband. Wir haben es jeden Tag dort hingelegt, wo wir grad waren. Auf die Erde, auf Stroh, Stein, Tisch oder Stühle. Das hat dann auch symbolisiert, dass wir nicht für uns unterwegs sind, dass es nicht nur ein abenteuerlicher Egotrip ist, sondern dass wir auch etwas für Viele machen, die das nicht machen können. Die sich aber gerne innerlich dem anschliessen möchten, was wir unternehmen. Das Pilgerband war das Symbol für das Grössere, was wir miteinander gemacht haben.

Du hast jetzt schon die erste Gruppe angesprochen, die euch begleitet hat. Zu dieser Gruppe kommen wir dann beim zweiten Talk. Dies war jetzt der Talk zur Vorbereitung. Wie Franz Mali und Hildegard Aepli den ersten Drittel der ganzen Strecke hinter sich bringen, das sehen Sie im nächsten Talk. Es hat mich gefreut, dass Sie eingeschaltet haben, schauen Sie doch das nächste Mal wieder rein. Sie können sich jeder Zeit der Facebookgruppe, auf Facebook, anschliessen. Dann werden Sie informiert.


Mit Hildegard Aepli und Franz Mali über die Pilgerreise nach Jerusalem unterhielt sich Naomi Hasler.
Fribourg, 18. Februar 2012.
© 2011 HASLER4u GmbH


Ein unglaublich spannendes Interview! War tief beeindruckt und berührt! Chapeau!!
Sehr, sehr eindrücklich, interessant und mitreissend, berührend und tiefgründig. Respekt vor so viel Durchhaltewillen und Zielstrebigkeit. Gute Gesprächsführung, professionelle Vorbereitung
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